Seit 2001 ist jede Bundesregierung aufgefordert, zur Mitte ihrer Legislaturperiode einen Armuts- und Reichtumsbericht vorzulegen. Die schwarz-rote Koalition tat dies mit einer rekordverdächtigen Verspätung von eineinhalb Jahren im Frühjahr 2017. Mit knapp 650 Seiten, denen eine Kurzfassung mit den wichtigsten Ergebnissen und Erkenntnissen vorausgeht, ist der Bericht nicht nur ausführlich, sondern für die Leserinnen und Leser ungemein beschönigend. Ein Drama.

Be(nach)teiligung – Eine Tragödie in fünf Akten

Regieanweisungen zum Haupttext

 

Erster Akt

Deutschland geht es gut, die Wirtschaft prosperiert. Die Arbeitslosigkeit sowie die Menschen, die unter materieller Entbehrung leiden, sind gering. Das Risiko zu verarmen, ist niedrig allenfalls vergleichsweise etwas erhöht. Die Gesamtsituation scheint zufriedenstellend, wenngleich gewisse Bevölkerungsschichten gelegentlich ‚aufmucken‘.

Zweiter Akt

Das gesellschaftliche Leben geht seinen Gang. Die Armen sind arm, die Reichen sind reich. Die Mitte ist Mitläufer. Nichts Neues.

Dritter Akt

Deutschland als Leistungsgesellschaft. Soziale Teilhabe- und Aufstiegschancen sind extrem vom Einkommen abhängig. Es kursieren Sorgen, den Modernisierungsprozessen nicht folgen zu können. Konkurrenz durch Geflüchtete um Arbeitsplatz, Wohnraum und Kultur. Kinder und Jugendliche als besonders Leittragende der 180-Grad-gespreizten Schere zwischen Arm und Reich.

 Vierter Akt

Kinderarmut wird registriert. Das gesellschaftliche Leben geht seinen Gang. Die Armen sind arm, die Reichen sind reich. Die Mitte ist Mitläufer. Nichts Neues.

 Fünfter Akt

Die Befunde eines von der Regierung vorgelegten Berichtes sind eindeutig: „Nur wenige Kinder leiden jedoch unter erheblichen materiellen Entbehrungen“.

Doch keine Tragödie? Wie sehr hinsichtlich der Kinderarmut von einer Tragödie gesprochen werden kann, zeigen zahlreiche Befunde des Berichtes, die trotz der milden und schwammigen Formulierung wie in Akt fünf allzu besorgniserregend sind. Konkret geht es bei den „wenige[n] Kindern“ um mehr als 600.000, die in absoluter Armut leben. Bis zu 2,7 Millionen Kinder leben in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens. So haben arme Kinder nicht nur weniger Geld als ihre wohlhabenderen Altersgenossen –  sie treiben weniger Sport und sind seltener in Sportvereinen, sie sind eindeutig häufiger übergewichtig oder gar fettleibig, sie wohnen häufiger in lauter, verschmutzter und gefährlicher Umgebung, erfahren häufiger Gewalt und weisen deutlich häufiger psychische Auffälligkeiten auf. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass solche Umstände die Zukunft der betroffenen Kinder maßgeblich beeinflussen. Nicht erst seit Bourdieus und Passerons Studien „Die Illusion der Ungleichheit“ von 1961/62 (übertragbar auf das deutsche Schulsystem mit Selektionsmechanismen) oder den Ergebnissen aus PISA ist klar, dass arme Kinder im Bildungswesen deutlich schlechter abschneiden. Ihre Chancen, den Aufstieg zu schaffen, sind beschränkt. Auch ein Bericht der OECD besagt, dass in keinem anderen westlichen Land die Herkunft für Bildung eine so große Rolle spielt:
„Ein sozialer Aufstieg mit besserer Bildung ist in Deutschland nach wie vor schwer. Laut dem jüngsten OECD-Bildungsbericht erreichen 22 Prozent der jungen Menschen in der Bundesrepublik nicht das Bildungsniveau ihrer Eltern. Nur 20 Prozent der Jüngeren schaffen einen höheren Bildungsabschluss, als ihn Vater oder Mutter besitzen.“ (Die Zeit, 11.09.2012)

Der finanzielle Abstand zwischen Kindern mit Hartz IV-Bezug und ihren Altersgenossen ist riesig. So sind Dinge wie Sport im Sportverein, Musikunterricht, Kino, Theater oder Nachhilfe nicht finanzierbar. Dinge bleiben außen vor, die dabei helfen würden, im späteren Leben der Armut den Rücken zu kehren. Um dieser Benachteiligung entgegenzuwirken, wurde 2011 das Bildungspaket verabschiedet, dessen Zuschüsse die betroffenen Kinder (auf Antrag) für Mittagessen, Musikschule, Klassenfahrten, Sportverein oder Nachhilfe in Anspruch nehmen können. Klingt gut, klappt aber nicht: Die Beantragung ist derart kompliziert, sodass die Hürden zu hoch und die Zuschüsse für eine Beantragung zu niedrig sind. Der Armuts- und Reichtumsbericht formuliert daher das Ziel, das Bildungspaket hinsichtlich der Hürden zu überprüfen und insgesamt bekannter zu machen. Endlich.

Dass ein solcher Armuts- und Reichtumsbericht angegangen, verfasst und publiziert wird, ist von immenser Wichtigkeit. Dass die dort identifizierten Herausforderungen nicht innerhalb kürzester Zeit gemeistert werden können, ist nachvollziehbar. Doch solange die Regieanweisung aus dem zweiten Akt Bestand hat, kann aus einer Tragödie niemals eine Komödie mit einem Happy End werden.

Die Kulturloge Marburg fordert daher eine wirkliche und tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Thema Kinderarmut und den Auswirkungen für Kinder und Jugendliche und ihre Chancen für ihre weitere Entwicklung.

Ein Gastbeitrag von Lukas Stitz